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wieland. Zum Ritterdank ist dir dies schöne Weib beschieden!
Doch, eh ihr euch entfernt von diesem Ort,
Bedenke Rezia, wozu sie sich entschliesset,
Eh sie vielleicht mit unfruchtbarer Reu
Die rasche Wahl verführter Augen büsset!
Zu bleiben oder gehn lässt ihr das Schicksal frei.

1

71.

So vieler Herrlichkeit entsagen,

Verlassen Hof und Thron, dem sie geboren ward,
Um sich, auf ungewisse Fahrt,

Ins weite Meer der Welt mit einem Mann zu was

gen;

Zu leben ihm allein, mit ihm den Unbestand

Des Erdenglücks, mit ihm des Schicksals Schläge tras

gen,

(Und ach! oft kömmt der Schlag von der geliebten Hand!)

Da lohnt sichs wohl, vorher sein Herz genau zu fra

gen.

72.

Noch, Rezia, wenn dich die Wage schreckt,

Noch stehts bei dir den Wunsch der Liebe zu betrus gén;

Sie schlummern nur, die hier als wie im Grabe lie:
gen,

Sie leben wieder auf, sobald mein Stab sie weckt.
Der Sultan wird dir gerne, was geschehen,

Verzeihn, Trotz dem, was er dabei verlor,

Und Rezia wird wieder wie zuvor

Von aller Welt sich angebetet sehen.

73.

Hier schwieg der schöne Zwerg. Und, bleicher als der Tod,

Steht Hüon da, das Urtheil zu empfangen,

Womit ihn OBERON, der Grausame! bedroht.

In Usche sinkt das Feuer seiner Wangen.

Zu edel oder stolz, vielleicht ein zweifelnd Herz

Mit Liebesworten zu bestechen,

Starrt er zur Erde hin mit tief verhaltnem Schmerz,
Und lässt nicht einen Blick zu seinem Vortheil spres

chen.

74.

Doch Rezia, durchglüht von seinem ersten Kuß, Braucht keines Zunders mehr die Flamme zu erhiz

Ben.

Wie wenig dåucht ihr noch was sie verlassen muß,
Um alles, was sie liebt, in Hüon zu besißen!

Von Schaam und Liebe roth bis an die Fingerspis
Ben,

Verbirgt sie ihr Gesicht und einen Thrånenguß
In seinem Arm: indem, hochschlagend von Entzüs

fen,

Ihr Herz empor sich drångt, an seines sich zu drücken.

75.

Und OBERON bewegt den Lilienstab Sanft gegen sie, als wollt' er seinen Segen Auf ihrer Herzen Bündniß legen,

Und eine Thräne fällt aus seinem Aug herab

Auf beider Stirn. So eil' auf Liebesschwingen,
Spricht er, du holdes Paar! Mein Wagen steht be

reit,

Bevor das nächste Licht der Schatten Heer zerstreut,
Euch sicher an den Strand von Askalon ́zu brin

gen.

76.

Er sprachs, und eh des leßten Wortes Laut
Verklungen war, entschwand er ihren Augen.

Wie einem Traum entwacht steht Hüons schöne Braut
Den süssen Duft begierig aufzusaugen,

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Wieland.

Wieland.

Der noch die Luft erfüllt. Drauf sinkt ein scheuer Blick
Auf ihren Vater, hin, der wie in Todesschlummer
Zu starren, scheint. Sie_seufzt, und wehmuthsvoller
Kummer

Mischt Bitterkeit in ihres Herzens Glück.

77,

Sie hüllt sich ein. Herr Hüon, dem die Liebe
Die Sinnen schärft, sieht nicht so bald
Ihr Herz beklemmt, ihr schönes Auge trübe,
Co drückt er sie, mit zärtlicher Gewalt,

Den rechten Arm um ihren Leib gewunden,
Zum Saal hinaus.

Komm, spricht er, eh die Nacht

Uns überrascht, und jeder Arm erwacht,

Den uns zu Lieb der Geist mit Zauberschlaf-gebunden.

78.

Komm, laß uns fliehn, eh uns den Weg zur Flucht Ein neuer Feind vielleicht zu sperren sucht;

Und sey gewiß, sind wir nur erst geborgen,

Wird unser Schüßer auch für diese Schläfer sorgen.
Dies sprechend trägt er sie mit jugendlicher Kraft
Die Marmortrepp' hinunter bis zum Wagen,
Den Oberon zu ihrer Flucht verschafft,
Und eine füffre Last hat nie ein Mann getragen.

von Nicolai.

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S. B. I. S. 69. und 228. Von den neun Bånden feiner Vermischten Gedichte machen die romäntischen Ers zählungen den größten Theil aus, wozu der Stof meistens aus dem Ariost und Bojardo entlehnt ist. Aber Manier und Einkleidung gehören dem deutschen Dichter eigenthüme lich, und haben seinen Erzählungen mit Recht Beifall und Bewunderung erworben. Er verfeht gar sehr die Kunk, interessante Situationen anzulegen und auszuführen, die Phans tasie durch abwechselnde Gemählde beständig wach zu erhals ten, den Ausdruck des Ernsthaften und Komischen, des Starken und Sanften, gehdrig abzuwechseln, und den Geist des Lesers in seine Ritterwelt hinein zu zaubern. Bei so

-

mannichfaltigen Schönheiten übersieht man leicht einige
Mängel und Schwächen des Vortrags, einige Weitschweis
figkeiten und Ermattungen des Tons. Die hier gelieferten
Rittergeschichten sind folgende: Richard und Melisse —
Galwine, in sechs Gesängen - Alcinens Insel, in zwei
Büchern Gryphon und Grille, in zwei Büchern
Zerbin und Bella, in sechs Gefängen Anselmo und
Lilla; alle nach dem Ariost — Morganens Grotte, in
vier Büchern, nach dem Bojardo Das Schöne, eine
Feenerzählung, in Prose - Der Zauberbecher, nach dem
Ariost Reinhold und Angelika, nach dem Bojardo.
Es ist schwer, aus einem solchen Reichthume zu wählen; fols
gende kleine Episode aus Zerbin und Bella sey bloß ein
Vorschmack, um Leser, die mit diesem Dichter noch unbes
kannt sind, zu dem Vergnügen seines vollen Genusses zu rejs

jen.

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Zerbin und Bella, Ges. VI.

Im Maurenheere kam vor kurzem Stordilan,
Ein Fürst aus Spanien, mit seiner Tochter an.
So wie die rege Wolke zart gebauter Mücken
Auf einen einz'gen Hauch des Nordes niederfållt,
So fühlte jeder Sarazenenheld

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v. Ticolai.

Eicolai. Sein Herz von Doralizens Blicken

Versengt. Allein sobald es ruchtbar ward,
Daß Rodomont und Mandrikard

Sich öffentlich um ihre Gunst bewarben,

So trat die schwächre Schaar, neugierig, wen das
Glück

Von beiden treffen werde, hoffnungslos zurück.

Wie manchen Sieg erhielt, mit Doralizens Fars

ben

Bezeichnet, Rodomont! Wie manche Ritter starben Von des Verliebten Hand! Durch wie viel Christens blut

Bewies er Doralizen seine Glut!

Und auch mit wie verächtlichem und hohem Blicke
Sah er auf Mandrikards unblut'gen Dienst zurücke,
Der damals seufzend in dem Zelte saß,

Und ob der Liebe Krieg und Ruhm vergaß!

Das ganze Heer der Sarazenen

Versprach dem Tapfern schon gewiß die Hand der Schös

nen;

Allein der schlaue Chan der Tartarei,

Wohlwissend, daß mit stillem Fleiß, mit süssem Schmach

ten

Und Küssen einer Dame mehr gedienet sey,

Als mit zehntausend Umgebrachten,

Ließ sich durch keine Reden, keinen Schein

In seinem heimlichen Entwurfe stören,

Lies Rodomanten seine Siegeskränze mehren,
Und schlich indessen sich bei Doralizen ein,

Warf brennend sich vor ihre Füße,

Vnd bat und schwur, und wagte schwach verwehrte

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Und meiner Meinung nach ging dieser aufs Gewisse.

Nun traf es sich, daß beide sich zu gleicher Zeit

Und mit gleichseit'ger Sicherheit

Zum Vater hinbegaben, ihm ihr Herz erklärten,
Und seiner Tochter Hand begehrten.
Mit bitterm Hohn und stolzer Art
Sah den verwegnen Mandrikard

Der

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