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(durch den Process, welcher später von Herrn Darwin - „natürliche Zuchtwahl“ genannt worden ist), wie sie von mir erdacht worden, ehe ich die geringste Bekanntschaft mit dem Ziel und der Natur der Arbeiten des Herrn Darwin besass. Diese zwei Abhandlungen wurden in einer Weise veröffentlicht, dass sie höchstens die Aufmerksamkeit einiger Naturforscher auf sich ziehen konnten, und ich bin überzeugt, dass Viele, welche davon gehört haben, nie Gelegenheit hatten sich zu vergewissern, wie viel oder wie wenig sie in Wirklichkeit enthielten. Daher kam es, dass, während einige Schriftsteller mir mehr zuschreiben als ich verdiene, andere mich mit Dr. Wells und Herrn Patrick Matthew in eine Klasse stellen, welche, wie Herr Darwin in der historischen Skizze der 4. und 5. Ausgabe der „Entstehung der Arten“ gezeigt hat, zweifellos die Grundprincipien der „natürlichen Zuchtwahl“ vor ihm selbst erdacht haben, aber keine weitere Anwendung von diesem Principe machten und die grosse und ungeheuer wichtige Anwendbarkeit desselben übersahen.

Das vorliegende Werk wird – ich wage es zu glauben - beweisen, dass ich damals sowohl den Werth, als auch die Tragweite des Gesetzes, welches ich entdeckt hatte, sah, und dass ich es seitdem für manche Zwecke nach einigen neuen Richtungen hin anzuwenden verstanden habe. Allein hier enden meine Ansprüche. Ich habe mein Leben lang die aufrichtigste Befriedigung darüber empfunden – und ich empfinde sie noch , dass Herr Darwin lange vor mir an der Arbeit gewesen ist, und dass nicht mir der Versuch überlassen blieb, „die Entstehung der Arten“ zu schreiben. Ich habe seit Langem meine eigenen Kräfte gemessen und weiss sehr wohl, dass sie für diese Aufgabe durchaus unzureichend sind. Weit fähigere Männer als ich werden zugestehen, dass sie nicht jene unermüdliche Geduld besitzen, grosse Massen von Thatsachen der aller verschiedensten Art aufzuhäufen und jenes wunderbare Geschick sie anzuwenden, — nicht jene ausgebreiteten und genauen physiologischen Kenntnisse, – nicht jenen Scharfsinn im Ausdenken und jenes Geschick im Anstellen von Experimenten, – und nicht jenen bewundernswerthen, zu gleicher Zeit klaren, überzeugenden und kritischen Styl der Darstellung, — Eigenschaften, welche in ihrer harmonischen Vereinigung Herrn Darwin als den Mann hinstellen, welcher, vielleicht unter allen jetzt lebenden Menschen am besten geeignet ist für das grosse Werk, das er unternommen und vollführt hat.

Meine eigenen mehr begrenzten Fähigkeiten haben mich zwar hier und da in den Stand gesetzt, von einigen auffälligen Gruppen nicht verwendeter Thatsachen Besitz zu ergreifen und einige Verallgemeinerungen abzuleiten, welche dieselben unter die Herrschaft bekannter Gesetze bringen; allein sie eignen sich nicht zu jenem wissenschaftlicheren und mühsameren Process sorgsamer inductiver Forschung, welche in Herrn Darwin's Händen zu so brillianten Resultaten geführt hat.

Ein anderer Grund, welcher mich veranlasst hat, diesen Band jetzt zu veröffentlichen, ist der, dass ich, da meine Ansichten von denen des Herrn Darwin in einigen wichtigen Punkten abweichen, wünsche, meine Meinungen in einer leicht zugänglichen Form vorzubringen, ehe die Publication seines neuen schon angekündigten* Werkes statt hat, in welchem, wie ich vermuthe, die

* Das Erscheinen desselben ist im Frühjahr 1871 zu erwarten.

A. d. H.

meisten der betreffenden Fragen ausführlich discutirt sein werden.

Ich will jetzt Zeit und Ort der Veröffentlichung der in diesem Bande mitgetheilten Essais geben und ferner die Abänderungen bezeichnen, welche ich angebracht habe. I.-ÜBER DAS GESETZ, WELCHES DIE EINFÜHRUNG

NEUER ARTEN REGULIRT HAT. Zuerst veröffentlicht in den „Annals and Magazine of Natural History“, September 1855. Ohne Veränderung des Textes wieder abgedruckt. II. – ÜBER DIE TENDENZ DER VARIETÄTEN UNBEGRENZT

VON DEM ORIGINALTYPUS ABZUWEICHEN. Zuerst veröffentlicht in dem „Journal of the Proceedings of the Linnaean Society“, August 1858. Ohne Veränderung des Textes wieder abgedruckt, abgesehen von ein oder zwei grammatikalischen Verbesserungen. III.- MIMICRY UND ANDERE SCHÜTZENDE ÄHNLICH

KEITEN BEI THIEREN. Zuerst in der „Westminster Review“, Juli 1867 veröffentlicht. Wieder abgedruckt mit einigen Verbesserungen und einigen wichtigen Zusätzen, unter welchen ich Herrn Jenner Weir's Beobachtungen und Experimente über die Farben der von Vögeln gefressenen oder verschmähten Raupen besonders namhaft mache. IV.—DIE MALAYISCHEN PAPILIONIDAE ODER SCHWALBEN

SCHWÄNZIGEN SCHMETTERLINGE ALS ILLUSTRATION
FÜR DIE THEORIE DER NATÜRLICHEN ZUCHTWAHL.

Zuerst veröffentlicht in den „Transactions of the Linnaean Society“, Vol. XXV (gelesen März 1864) unter dem Titel: „Ueber die Phänomene der Abänderung und geographischen Verbreitung, erläutert an den Papilioniden der malayischen Region.“

Der einleitende Theil dieses Essais ist hier mit Auslassung der Tabellen, der Bezugnahme auf die Tafeln etc., aber vermehrt durch einige Zusätze und mehre Verbesserungen wieder abgedruckt. In Folge der Publication von Dr. Felder's „Reise der Novara“ (Lepidoptera), welche zwischen dem Vortrag meiner Abbandlung und ihrer Publication stattfand, müssen die Namen einiger meiner neuen Arten verändert werden gegen die, welche Dr. Felder ihnen gegeben hat, und dieses erklärt den Mangel an Uebereinstimmung in einigen Fällen zwischen den in diesem Buche gebrauchten Namen und denen der ursprünglichen Abhandlung.

V.-ÜBER INSTINCT BEI MENSCHEN UND THIEREN. Vorher nicht veröffentlicht.

VI.—DIE PHILOSOPHIE DER VOGELNESTER. Zuerst in dem „Intellectual Observer“, Juli 1867 veröffentlicht. Mit beträchtlichen Verbesserungen und Zusätzen wieder abgedruckt.

VII.-EINE THEORIE DER VOGELNESTER, WELCHE DIE BEZIEHUNG GEWISSER UNTERSCHIEDE DER FARBE BEI WEIBLICHEN VÖGELN MIT DER ART IHRES

NESTBAUES AUFWEIST. Zuerst in dem „Journal of Travel and Natural History“ (No. 2) 1868 veröffentlicht. Hier wieder abgedruckt mit beträchtlichen Verbesserungen und Zusätzen, in welchen ich mich bestrebt habe, meine Meinung über die von meinen Kritikern missverstandenen Punkte klarer zu legen und vollständiger zu erläutern.

VIII.- DIE SCHÖPFUNG DURCH DAS GESETZ. Zuerst in dem „Quarterly Journal of Science", October 1867 veröffentlicht. Mit ein paar Veränderungen und Zusätzen hier wieder abgedruckt.

IX.—DIE ENTWICKELUNG DER MENSCHENRACEN UNTER

DEM GESETZ DER NATÜRLICHEN ZUCHTWAHL.

Zuerst in der „Anthropological Review“ Mai 1864 veröffentlicht. Mit ein paar wichtigen Veränderungen und Zusätzen hier wieder abgedruckt. Ich hatte ursprünglich beabsichtigt diesen Essai beträchtlich auszudehnen, fand aber dass ich wahrscheinlich die Wirkung abschwächen würde ohne neue Beweise hinzufügen zu können. Ich zog es daher vor, ihn so zu lassen, wie er zuerst geschrieben worden ist, mit Ausnahme von ein paar schlecht überdachten Stellen, welche nie vollkommen meine Ansicht ausdrückten. Er enthält in der vorliegenden Form, wie ich glaube, den Ausdruck einer wichtigen Wahrheit.

X.—DIE GRENZEN DER NATÜRLICHEN ZUCHTWAHL AUF

DEN MENSCHEN ANGEWANDT. Es enthält dieser Essai die weitere Entwickelung einiger Sätze am Schlusse eines Artikels über „Geologische Zeit und die Entstehung der Arten“, welcher in der „Quarterly Review“, April 1869 erschien. Ich habe es gewagt, hier eine Klasse von Problemen zu berühren, welche man gewöhnlich als ausserhalb der Grenzen der Wissenschaft liegend betrachtet, aber welche, wie ich glaube, eines Tages unter ihre Herrschaft gelangen werden. *

London, März 1870.

* Es folgt im englischen Original noch die specielle Aufführung der in obiger Uebersicht angedeuteten Veränderungen und Zusätze (mit Angabe der Seitenzahlen), welche jedoch für den deutschen Leser von unwesentlichem Interesse sein dürfte und hier daher fortbleibt.

A. d. H.

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