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können? Denn Marcus kam erst U. C. 49 nach Alexandrien, und zu Errichtung einer Gesellschaft von Leuten, die sich freywillig unter das Joch einer strengen Lebensart begeben, gehörte wenigstens eine Zeit von einigen Jahren. Nun erhellet aber aus obgedachter Schrift vom beschauenden Leben selbst, daß ihr Verfasser sie in der Blüthe feiner Jahre aufgeseht habe. Folglich mus er unter seis nen Therapevten keine Christen, sondern ganz andre Leute gemeint haben. Er sagt von diesen Leuten, daß sie viel auf gewisse alte Bücher hielten, und fleissig darinnen forschten. Das sollen nun die Schriften des N. T. feyn. Uber damals, Philo sich mit Bücherschreiben noch abgab, war noch kein einziges Buch dieser heiligen Sammlung vorhanden. Er soll viel aus Pauli Briefen entlehnt haben. Aber er hat keinen einzigen davon sehen und lesen können, indem sie insgesamt jún. ger als Philons Werke find. Man nehme von der Zeit, da Marcus fein Evangelium geschrieben hat, eine Sage an, welche man auch immer wolle, so kömmt es doch zu spåt. Irenåus ist ålter als Eusebius, folglich ist seine Aussage auch von grösserm Gewichte. Nun meldet Frenåus, daß Marcus sein Evangelium erst nach der Apostel Peters und Pauls Tode habe ausgehn lassen, das ist nach dem Jahre Christi 64. Und da müsste Philo über hundert Jahr alt gewesen seyn. Es ist aber ganz unglaublich, daß er sein Leben so hoch gebracht habe. Folglich hat er auch Marci Evangelium nicht lesen, geschweige denn anführen

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fönnen. Ferner kan Philo den Apostel Peter nicht zu Rom gesprochen haben. Denn damals, da er im Namen der Judenschaft zu Alexandrien die Botschaft beym Kaiser Cajus ablegte, war Peter zu Jerusalem, und ist vor Nerons Zeiten nicht nach Rom gekommen. Nun ist höchst unwahrscheinlich, daß Philo in einem Alter von bey nahe hundert Jahren eine so weite und beschwerli che Reise von Alexandrien nach Rom blos in der Absicht sollte unternommen haben, einen Mann zu sprechen, den er weiter nicht, als dem Rufe nach, kennen konte.

Philo war also kein Christ. Sein Zeitalter widerspricht dem Vorgeben, daß er es gewesen sen. Er hatte seine Laufbahn als Schriftsteller schon vollendet, bevor die christliche Lehre in der Welt auftrat. Er war demnach ein Jude, ein eifriger standhafter Jude. Ueberzeugende Beweise davon hat er hin und wieder in seinen Schriften eingestreut. Dem Tempel zu Jerusalem verspricht er eine ewige Dauer, und einen immerwährenden Genus der beträchtlichen Einkünfte von dessen weitläuftigen Ländereyen. Jerusalem nennt er die heilige Stadt, und legt ihr viel mehr andre Lobsprüche bey. Die Juden nennt er ein von Gott geliebtes und erkohrnes Volk, die Erstlinge des menschlichen Geschlechts. Nicht die geringste Spur thut sich bey ihm hervor, daß ihm die Ankunft des Messias im Fleische bekant gewesen sey, oder daß er von Christo was gewusst habe. Er hoffet auf einen blos weltlichen Messias, er kennet ihn B 3

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als einen blossen Menschen, und weis von seinem geistlichen Reiche nichts. Das Wort stellt er zwar als ein göttliches Wesen vor; aber daß der Messias das Wort sey, das sagt er nirgends. Augustini Zeugnis endlich ist entscheidend. Dieser Kirchenlehrer versichert, daß Philo nie ein Christ gewesen sey.

Aber er war auch kein keherischer Jude, oder jüdischer Kezer, wozu ihn doch der P. Bernard Lamy hat machen wollen, und zwar aus dem Grunde, weil Philo nirgends des Tempels zu Jerusalem gedenke. Daraus schliest der Pater, er müsse von der Spaltung oder dem Anhange gewesen seyn, welcher den Tempel des Onias zu Alexandrien verehrte. Doch da dieser gelehrte Franzose sich von seinem Gedächtnisse hintergehen lassen, und der Grund, auf den er baute, schwankt, fo fällt auch sein ganzes Gebäude von selbst dahin. Denn daran ist kein Zweifel, daß Philo von dem Tempel zu Jerusalem mit vieler Ehrerbietung spreche. Zudem ist die angegebne Spaltung von Alexandrien ein noch sehr streitiges und unerwiesenes Vorgeben. Die Gemeinde von Alexandrien hat es jederzeit mit der von Jerusalem gehalten, wie aus Apostelgesch. VI. 9. erhellet. Wäre Philo ein Feind der jüdischen Kirche von Judåa gewesen, so würde Josephus ganz anders von ihm gesprochen haben. Philo meldet endlich selbst, daß er über Ascalon nach Jerusalem gereist sey, um daselbst sein Gebeth und Opfer zu verrichten. Was

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kan man nach einem so deutlichen Zeugnisse weiter verlangen?

Was für einem Haufen unter den Juden, fragt sichs weiter, ist Philo zugethan gewesen? War er ein Essäer, oder war er ein Sadducăer, oder war er endlich ein Pharisäer? Das erstere kan er nicht gewesen seyn. Die Essäer waren Leute, die für sich in der Stille lebten. Philo aber lebte in der grossen Welt, und lies sich zu bürgerlichen Bedienungen gebrauchen. Seine Lehrfäße und Art zu denken streitet schnurstracks mit der Sadducåer ihrer. Folglich mus er wohl ein Phariseer gewesen seyn. Diese Leute glaubten unter an dern Engel und Geister. Nun aber hat unter

allen Juden keiner das Wesen, den Stand, und die Verrichtungen der Engel so deutlich beschrieben, als Philo. Die Pharisäer lehrten die UnSterblichkeit der Seele, und ein Erwarten unumgånglicher Strafen und Belohnungen nach dem Tode. Von diesen Dingen aber hat Philo so deutlich, so richtig geschrieben, als kaum ein Christ thun würde. Die Pharifäer schrieben der gottlis chen Gnade in Bekehrung, Erleuchtung und Regierung des Menschen viel zu, huben aber darum doch den freyen Willen nicht auf. Philo lehrt ein gleiches, und zwar so richtig, daß man glauben sollte, wenn man ihn von dieser Sache lieset, den Apostel Paulus zu lesen. Nicht ohne Wahr, scheinlichkeit könte man die grosse Geflissenheit zu allegorisiren, mit der Philo sich vor andern hervor thut, für ein Zeichen der pharisäeischen Sekte

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ansehen. Die Art alles geistlich, und nicht buchstäblich auszulegen, gehörte mit zu den Sagen, worauf die Pharifaer viel hielten. Philo ist ihr Erfinder nicht. Von der Zeit an, da die griechische Alexandrinische Uebersehung der Schrift bekant ward, bis auf die Zeiten des Aquila, das ist über 400 Jahr hindurch, ist diese Auslegungsart im Schwange gegangen. Herr Mangey glaubt, die Heiden hätten die Juden damit angesteckt. Da jener ihre Fabellehre so voller lächerlicher und schändlicher Ungereimtheiten steckte, daß sie ihr Ansehn nicht behaupten konte, woferne man nicht einen Vorhang von weit hergeholten und erzwungenen Auslegungen darüber zöge: so konte ihr Beyspiel und Umgang die Juden von Alexandrien, bey denen alle jüdische Gelehrsamkeit damals beruhte, zu einer ähnlichen Thorheit um so viel leichter verleiten, da diese in einer völligen Unwissenheit der Grundsprache ihrer Bibel, und der alten jus dischen Gebräuche steckten. Die allegorischen Ausleger werden geschwinder fertig, als die grammatischen. Sie bleiben nicht an den Buchstaben Hången.

Sie nehmen es damit so genau nicht. Und eben dieser Auslegungsart sollen, nach Herrn Mangens Erachten, die häufigen Schreibefehler, die sich in unsre hebräische Bibeln eingeschlichen Haben sollen, mit grösserm Rechte, als der Bosheit der Juden, beyzumessen seyn.

Philo brachte also diese Auslegungsart nicht zuerst auf, wie man ihm wohl Schuld gegeben. Er gedenket selbst seiner Vorgänger in diesem

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