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ist also nicht zu verwundern, wenn ein so unschul diger Saß vielen Beyfall gefunden, und oft miteinem sehr glücklichen Erfolg von den Verfassern der verschiedenen Harmonien der evangelischen Geschichte angewendet worden. So wenig Herr M. dieses leugnet, so wenig gefällt ihm doch diese Methode. Man würde, sagt er in der Vorrede, niemals genöthiget gewesen seyn, seine Zuflucht zu derselben zu nehmen, wenn man sich nicht fälsch lich eingebildet hätte, daß eine Geschichte, die von mehr als einem Evangelisten unter fast ähnlichen Umständen erzählet wird, auch eben dieselbe sey, und sich nicht mehr als einmal zugetragen habe. Zwo Begebenheiten können einander sehr ähnlich und doch zu einer verschiedenen Zeit vorgefallen seyn. Was hindert uns also, fährt Herr M. fort, zu glauben, daß die Evangelisten oft zwey ganz verschie dene Dinge erzählen, wenn es gleich dem ersten Ansehen nach scheinen sollte, als ob sie von einerley Sache redeten. So bald ich nun aber dieses wahrscheinlich machen kan, so bald bin ich von der Nothwendigkeit befreyet, Versehungen über Versehungen in der evangelischen Geschichte zu erdichten, und ich werde gewahr, daß die genaueste Ordnung der Zeit in derselben beobachtet worden. Es ist also die gegenwärtige Harmonie auf die Meynung gegründet, daß die vier Evangelisten alle Thaten und Reden Jesu also aufgezeichnet, wie fie wirklich auf einander gefolget. Drey Stellen ausgenommen, in welchen, wie Herr M. glaubt, die heil. Schreiber ein paar Begebenheiten auffer

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ihrer gehörigen Ordnung erzählet haben. Wir werden bald Gelegenheit haben sie anzuzeigen. Zuerst wollen wir die Einleitung zu dieser Harmonie vor uns nehmen. Es werden in derselben einige Haupt= anmerkungen voraus gefeßt, in welchen der Verfasser seine Methode erläutert und rechtfertiget, wobey noch gewisse chronologische Streitfragen erör

tert werden.

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Die erste Anmerkung betrifft die Art des Vortrags und die verschiedenen Ausdrücke, deren sich die Evangelisten in ihren Erzählungen bedienen. Wenn zween oder mehr Evangelisten den Heyland auf einerley Weise redend einführen, so ist dieses nach der Meynung des Herrn M. ein sicheres Merkmal, daß sie die Worte selbst beybehalten haben, deren sich seine Weisheit bey gewissen Gelegenheiten bedient. Unterdessen war es die Absicht dieser heil. Männer nicht, allezeit die von Jesu erwählten Ausdrücke beyzubehalten und im geringsten nicht davon abzureichen. Oft war es ihnen gnug, den Inhalt und Verstand derselben anzuzeigen, welches man nicht selten zu thun pflegt, wenn man die Reden anderer bekant machen will. Ein Grundsaß, welchen die Ausleger mit Recht anwenden, was die Frage von der Anführung des A. T. im Neuen betrifft (*), und den man ebenfalls nicht aus den AuFf 3

gen

(*) Die Regel ist ganz richtig, aber sie gilt auch nur alsdenn, wenn die im N. T. angeführte Stelle wirklich, obgleich mit einer kleinen Veränderung eines oder mehrerer Worte, in dem A. T. gefunden

gen sehen sollte, wenn die Rede von den Erzählungen der Evangelisten und ihren Abweichungen von einander ist. Hätte ein einziger von ihnen eine Historie zweymal erzählet, so würde der Unterscheid unter diesen beyden Erzählungen kein anderer seyn, als derjenige, den wir gewahr werden, wenn zween oder mehr Evangelisten eben dieselbe Geschichte be schreiben. Herr M. erläutert dieses mit der ges doppelten Nachricht von der Himmelfahrt des Heys landes, die uns Lucas bey dem Beschlus seines Evangelii und in dem Anfang der Apostelgeschichte ge geben hat, und aus allem diesen ziehet er die rich tige Folge, daß die verschiedene Art und Weise, deren sich die Evangelisten in ihren Erzählungen be dienen, nicht zum Beweis wider die göttliche Eingebung der evangelischen Geschichte könne angewens det werden.

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wird. Woferne dieses legtere nicht ist, so würde derjenige die Schriftsteller des N. T. von dem Verdacht eines Gedächtnisfehlers nicht genugsam be freyen, der behaupten wollte, die Sache stehe doch dem Verstand nach in den Büchern des A. T. So macht es Herr M. mit der Stelle Matth. 11, 23. wo die Worte: Er wird Yazaräus heissen, als eine Weissagung aus dem A. T. angeführet werden. "Man findet zwar, sagt dieser Gelehrte, die Worte selbst in keinem Propheten, aber die dadurch bezeichnete Sache ist doch in denselben gegründet.,, Unsers Wissens steht die Stelle selbst im Buch der Richter Kap. 13, 5. Et erit, heisst es daselbst von dem Simson, Nazaraeus Dei. Vor erit fest Matthaus, nach einer sehr gewöhnlichen Art zu reden, vocabitur, welche Veränderung dem Verstand im geringsten nicht schadet.

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Die andre Anmerkung enthält einige Betrach tungen über die Begebenheiten selbst, welche uns die evangelische Geschichte vorhält. Es ist ausges macht, daß die Absicht der Evangelisten nicht gewesen ist, ein vollständiges Verzeichnis aller Reden und Handlungen Jesu der Nachwelt zu überliefern. Allein es ist auch nicht weniger gewis, daß eben dieselben nicht alle Nebenumstände der Begebenheiten, die sie beschrieben, haben aufzeichnen wollen. Den einen Umstand beschreibt Mats thåus, den andern Marcus, noch einen andern Lucas und Johannes. Wer aus diesem Stillschweigen den Schlus machen wolte, daß fie eben deswe gen eine gewisse Begebenheit oder Umstand nicht für wahr gehalten, ja wohl gar nichts davon gewusst, der würde zu übereilt schliessen. Herr M. führt dieses weiter aus, und er gedenket besonders einer gedops pelten Art des Stillschweigens, wovon man in der evangelischen Historie weitere Erempel antrifft. Bald findet man, daß ein Evangelist sich auf einen besondern Umstand bezieht, den er aber nicht ausdrücklich anzeiget, so wie ihn auch die übrigen verschweigen. Von weltlichen Geschichtschreibern pflegt dieses ebenfals nicht selten zu geschehen. So wenig man fich bey diesen über Dunkelheit und Undeutlichkeit beklaget, und so leicht es uns ist, ihre Erzählungen in dergleichen Fällen zu ergänzen, eben so wenig schadet ein solches Stillschweigen der Evangeliften der Deutlichkeit der Geschichte, und ein aufmerksamer Leser wird ohne Mühe einsehen, was ihm hinzuzusehen übrig gelassen worden. Ein an, $f 4

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dermal bezieht sich der eine Evangelist auf eine Begebenheit, die er zwar selbst nicht ausdrücklich bes schreibt, die aber doch von einem der übrigen mitge nommen wird. Man mus also die Erzählungen beyder mit einander vergleichen, und so werden alle Dunkelheiten verschwinden. Bishieher hat die Anmerkung des Verfassers ihre Richtigkeit, und man wird ihm schwerlich seinen Beyfall versagen können. Allein die Folgen, die er daraus zur Befestigung feiner Hypothese herleitet, scheinen uns noch sehr ungewis und zweifelhaft, wenn wir aufs gelindeste davon reden wollen. Sie sind diese. Da die Evangelisten manchen Umstand des Lebens Jesu mit Stillschweigen übergangen haben, so kan man daraus den Schlus machen, daß sie auch nicht alle die Feste, welche er gefeyert, angezeiget. Es kan daher seyn, daß sie einige von den Osterfesten, bey denen der Heyland wirklich während seines Lehramtes gegenwärtig gewesen, in ihren Erzählungen ausgelassen. Ist dieses, so mus man gestehen, daß unser Erlöser sein Lehramt långer als drey und ein halb Jahr geführet, auch länger als Calvisius, Scaliger und Newton sich einbildeten, die zu dieser Zahl noch ein Jahr, und zu den vier Osterfe= ften, von welchen die Evangelisten reden, noch eines hinzuthaten. So schliesst Herr M. und er schliesst wirklich noch über die iztbenannten ein neues Osterfest heraus, welches der Heyland seiner Meynung nach gefeyert hat, da er nach der Zahlung des ordentlichen Tributs zu Capernaum unmittelbar darauf nach Judaa reisete. Wäre diese Anzahl von sechs

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