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In solchen Fällen hat ein Sandkorn Zentnerschwere.
Ist etwa deine Sicherheit

Nicht werth, mit eines Sclaven Leben

Erkauft zu sein? Es ist die höchste Zeit;

Die Stunde Frist die mir ihm geben,

Kann deine letzte sein!"

Vezier, ich gebe mich,

Ruft der erschreckte Schach: du siehst in solchen Dins

gen

Gewöhnlich richtiger als ich.

Befehl ihn stracks herbeizubringen!

Mein Duban kommt mit ruhigem Gesicht, Bückt nach Gebrauch sich an des Thrones Stufen Und steht erwartend da.

„Kannst du errathen, spricht

Der Schach zu ihm, warum wir dich berufen?"

Nein, Herr, das kann ich nicht.

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Den Kopf mir abzuschlagen, Herr?

Wie? bist du nicht geheilt? Was hått ich denn verbro: chen?

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Das hilft dir nichts! Dein Urtheil ist gesprochen!
Wir kennen nun den Schalk der dir im Busen steckt;
Verråther! Alles ist entdeckt!

Daß meine Feinde dich bestochen,

Daß du ein Bube bist der bloß

Mein Arzt, mein trauter Freund geworden,

Um auf der Freundschaft sicherm Schooß:

Mich desto sichrer zu ermorden

O! ich weiß alles, Bösewicht!

Trug war auf deinem Mund; in deinem Herzen

Mord!

Drum nieder auf die Knie! und nichts von leeren,

kahlen

Ents

Wieland.

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Wieland. Entschuldigungen! Fort!

Dein Kopf soll mir dafür bezahlen!

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Bindt ihm die Augen zu, und nicht ein Wort!"

Der gute Duban steht als wie vom Blik getröf;

fen,

Daß Neid und Bosheit ihm dies Wetter angeschürt;
Doch, wie entfliehn? Wo ist ein Ausweg offen?
Die Unschuld eben ists was ihm den Kopf verliert.
Den Schach kennt er zu gut um viel von ihm zu hof:
fen.

Zum Unglück hat er den nur äußerlich kurirt;

Dem innern unheilbaren Schaden,

Dem hilft kein Schwißen und kein Baden!

Das Einzge was ihm bleibt, ist, auf gerathewohl, Des Sultans Menschlichkeit durch Flehen zu erregen. Er thuts nach äußerstem Vermögen;

Allein das Herz, an das er schlågt, ist hohl,

Schach Lolo ist nicht zu bewegen.

Iht soll man sehn ob ich so wankelmüthig bin

Als wie die Leute immer sagen,

Denkt Lolo bet sich selbst; fast könnt ich ihn beklagen

Allein ich halte fest.

Du flehst umsonst!

Fort (ruft er) Eniee hin,

„Nun, bist du so entschlossen,

So werde dann unschuldig Blut vergossen!

Nur eine Bitte, Herr, wollst eh ich sterbe mir,

Aus Königsmilde noch gewähren!

Gieb eine Stunde nur mir Aufschub, heimzukehren,

Den Meinigen den leßten Abschiedekuß
Zu geben, und was ich verlassen muß,

Das Wenige, noch unter sie zu theilen,
Es wird nicht lange mich verweilen.
Das meiste sind, ich muß gestehn,

Nur Bücher; aber die in guter Hand zu sehn,
Liegt mir nicht wenig

Am Herzen Eins voraus, das man den König

-

Von allen Büchern nennen känn,

Und würdig, daß kein mindrer als ein König

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Es ist der Nachlaß eines Weisen,

Der über hundert Jahre dran

Gesammelt hat, die Frucht von großen Reisen und tiefem Forschen der Natur.

Das ganze Buch hat zwanzig Blåtter nur,

Allein auf jedem Blatt den Schlüssel

Zu einem Wunderding,

Zum Beispiel:

im Mos

ment,

Worinn das Schwert mein Haupt vom Rumpfe

trennt,

Werd' es in eine goldne Schüssel,

Die auf dies Wunderbuch gestellt wird, aufgefaßt:
So wirst du, Herr, ein Wunder sehen

Wie du noch keins gesehen hast.

Mein Blut wird plöhlich still in jeder Ader stehen,

Und in der Schüssel wird im gleichen Augenblick
Mein Kopf sich von sich selbst erheben,

Und sprechen, und auf jedes Fragestück

Laut und vernehmlich Antwort geben,
Das du, mein gnåd'ger Herr und Fürst,

Ihm aus dem sechsten Blatt des Buches vorzulegen
Geruhen wirst. «

Das wäre! ruft der Schach; Nun, dieses
Wunders wegen
Sei denn noch eine Stunde Frist

In Gnaden dir geschenkt! Die Wache soll zur

Seiten

Ihm immer gehn, und ihn zurück beg.eiten;
Und daß er ja das Buch mir nicht vergift!"

Mein Duban betet an zur Erde
Und wird hinweggeführt. Und überall

Bei Hof und in der Stadt erschallt des Günstlings
Fall,

Und daß bei seinem Tod sich was ereignen werde,

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Wieland.

Wieland. Was noch kein Mensch gesehn.

Der große Divans

Saal

Wallt wie ein See von Menschen ohne Zahl,

Die alle vor Begierde brennen

Das große Wunder auch zu sehn;

Man hätte durch den Saal, so dichte wie sie stehn,
Auf lauter Köpfen gehen können.

(Um Nichts zu sehn

Läßt sich kein besser Mittel denken)

Auch ist kein Herz, das nicht von Mitleid überfließt.
Mit Dubans Fall, und doch in größern Aengsten ist,
Der Schach möcht ihm das Leben schenken.

Der Seiger schlägt: Mein Duban, wohl be wacht,

Wird mit dem Schlag herbeigebracht.

Die Wache macht ihm Plaß. Die goldne Flügelthüre
Fährt auf; das ganze Borgemach

Ergießt sich in den Saal; dann Emirn und Veziere,
Und dann ein Zwischenraum, und dann zuleßt der
Schach,

Vom Großvezier, der diese Lust bereitet,

Und von dem Oberhaupt der Håmmlinge begleitet.
Der Schach besteigt den Thron, und Duban, züchtigs
Lich

Doch ohne Furcht, tritt zwischen vier Trabanten
Mit einem macht'gen Folianten

Im Arme hin zum Throne bückt bis zur Erde sich,
Legt dann das Buch am Fuß des Thrones nieder,
Und wiederholt was er dem Schach davon
Bereits gesagt. Drauf wird zum Werk geschritten.
Ein scharlachrothes Tuch deckt, mitten
Im Saal, des Bodens goldne Pracht,

Der Kreis um Duban her wird räumiger gemacht,
Der Henker zuckt das Werkzeug kalter Schrecken,
Und seitwärts steht ein Sklave mit dem Becken.

Der Duban war im Grund ein guter Tropf,
ind, minder um sich selber einen Kopf

Zu sparen als dem Schach die Qúaal zu spåter Reue,, Wieland. Kniet er noch einmal hin, und schwört ihm seine Treue

Und Unschuld, bittet, fleht sogar

Mit heißen Thrånen Alles war

Umsonst

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„dein Kopf, mein Freund, muß fliegen,

Und war es auch nur um's Vergnügen,

zu hören was er sagen kann,

Wenn er herunter ist.“

Nun gut, so sei es dann,

Spricht Duban, lös't gelassen seinen Kragen
Vom Halse, schließt die Augen als ein Mann,
Und — ritsch!` ist ihm das Haupt herabgeschlagen.

Das goldne Becken faßt, auf Dubans Buch ge:
stellt,

Den Kopf, so wie er blutend fällt,

Im Fallen auf. Stracks hört er auf zu bluten,
Der Rumpf bleibt stehn, als wår ihm nichts gethan,
Und, gegen aller Welt Vermuthen,

Hebt sich der Kopf und fångt zu reden an:

"Nun, Herr der Welt, wenn du's mit einer Frage Versuchen willst, und hören was darauf

Ein Kopf zu sagen hat: so schlage

Das sechste Blatt des Wunderbuches auf;
Auf dessen linker Seite stehn

Drei Fragen oder vier in großen goldnen Lettern.“

Schach Lolo spricht: wir wollen's sehn!

Man reicht das Buch ihm hin, und er beginnt zu blåts tern.

„Seht, ruft der Kopf, wenn ihr so gut sein wollt, Mich, während daß er sucht, auf meinen Rumpf, und bindet

Den Faden von gedrehtem Gold,

Den ihr in meiner Tasche findet,

Mir um den Hals.

Der Sultan, um zu sehn

Was noch draus werden soll, tåßt alles gern geschehn,
Und blåttert, unterdeß daß man den Faden bindet,

Beisp. S. 1. B.

P

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